98. Reifeprüfung in der Hauptschule der Freiheit

Judith Bahlig, Freiwillige 08/09 in den Münchner Kammerspiele

„Hallo Anne-Sophie, würdet ihr mir bitte verraten, wo ihr seid?!?“
„Oh, hihihi, wir sind im Hasenbergl...“
„Nee, oder? Leute, das Fernsehen ist da; in zwei Tagen ist Premiere; ich habe gekocht und warte auf euch... Ihr wusstet doch, dass wir proben - Was macht ihr denn dort?“
„Wir sind im Einkaufszentrum Mira!“
„Das kann doch nicht euer Ernst sein. Und was macht ihr da?“
„Na Scheiße natürlich, hihihi...“
„Hey, ich kann das grad echt nicht lustig finden. Kommt bitte sofort her, okay? Ich hol euch an der Bushaltestelle ab. Und wenn ihr Daniela seht, bringt sie mit.“
„Na gut, wir kommen dann schon. Sorry... Wir wussten nicht, dass das jetzt so wichtig ist, heute zu kommen. Wir waren nur ein wenig shoppen. Also, die Christiane hat sich eine Hose gekauft und [...]“

Dieser Moment war einer derjenigen Punkte, an denen man sich einiges hätte fragen können. Ob unser Projekt all die Energie, Zeit und Motivation wert war. Ob sich die anstrengenden Wochen ohne Schlaf, mit zuckenden Gesichtsmuskeln, Schweiß und Tränen gelohnt haben. Ob die Vorurteile gegenüber Hauptschülern nicht doch eine Berechtigung haben. Oder ob wir versagt haben.

Aber wir konnten uns das gar nicht fragen. Wir waren damit beschäftigt, mit Hauptschülern über Konventionen und Barrieren hinweg Probenpläne anzugehen. Oder, eher anzurennen. Denn die Schüler mussten parallel zu unserem Theaterprojekt auch noch ihren Quali packen, die Geschwister versorgen, den Haushalt machen, arbeiten... Manche konnten gar nicht mitmachen, weil sie schon zu viel Verantwortung für Wichtigeres übernehmen müssen oder die Eltern und Schulleiter zu skeptisch waren.

Also blieben uns zu wenig Leute für zu viele Ideen und die Herausforderung, es trotzdem zu probieren. Am Ende wurden mit vielen Leuten viele Ideen verwirklicht. Es sind verschiedene theatrale Formen, Filme, Formate und Arbeitsgemeinschaften entstanden, die beeindruckend waren und bleiben.

Die Freiheit, die eigene Zukunft neu zu phantasieren

Freiheit soll das Recht sein, die Potenziale mobilisieren und nutzen zu dürfen, die in einem stecken – begrenzt nur da, wo die Rechte und Freiräume des anderen beginnen. Genau darum ging es bei dem Projekt. Diese Freiheit zu mobilisieren und das Potenzial dieser stigmatisierten jungen Menschen zu suchen, zu fördern und zu zeigen.

Die Gründung der HAUPTSCHULE DER FREIHEIT ist ein Stadtprojekt der Münchner Kammerspiele. Der Rahmen, innerhalb dessen Regisseure, Dramaturgen, Künstler und Assistenten die Kammerspiele in der protzigen Maximilianstraße verlassen, um sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Fort von gutsituiertem Bürgertum, hochprofessionellen Rahmenbedingungen und Schauspielern. Hin zu Laien, zu deren Geschichten.

Die sind nicht klassisch. Trotzdem enthalten sie alle klassischen Elemente. Komisches, Tragisches, unerwartete Wendungen, Höhepunkte, kathartische Momente, Banales. Im Unterschied zu vielen anderen theatralen Stoffen sind sie echt. Das ist das Besondere. Man darf diese Geschichten nicht ausschlachten wie ein Troja, die Schüler nicht belagern und von ihnen etwas fordern, was sie nicht herausgeben können. Und trotzdem müssen die Jugendlichen erzählen. Weil sie so viel zu sagen haben. Zu dem was ihnen passiert ist und was mit ihnen und uns passiert. Authentisch.

Ohnmacht und Wut versus Stolz und Verwirklichung

Die Arbeit mit den Hauptschülern lässt sich irgendwo zwischen Theater, Sozialem und Politik einordnen. Ich habe als Regieassistentin mit der Regisseurin, Dramaturgin und fünf Mädchen, die erst 15 sind, aus Interviews mit ihnen das Stück „Die Reifeprüfung“ erarbeitet, in dem es um all die Aufgaben geht, die sie bewältigen müssen. Situationen, die jede Matheklausur eines Gymnasiasten dagegen läppisch aussehen lassen.

Am Ende war ich mit den Mädels allein, hab mich jede Minute darum kümmern müssen, dass alles klappt. Das hat mich viel Kraft gekostet. Vor allem die einzelnen Geschichten zu hören: Traumatisches aus der Vergangenheit, Quälendes in der Gegendwart, kaum Zukunftsperspektiven. Mich haben Gefühle von Ohnmacht und Wut erfasst, wenn mir bewusst wurde, dass unser Schulsystem Hauptschüler als Versager abstempelt und zu Versagern macht. Dass diese starken Mädchen sich selbst als Versager sehen. Weil niemand etwas anderes von ihnen erwartet und sie sich nur trauen, eine eigene bessere Zukunft zu erträumen. Weil dieser Traum nur selten Wirklichkeit wird.

Ich möchte nach meinem Studium gern solche Projekte machen. Denn für mich ist ein Traum Wirklichkeit geworden. Spätestens als ich die Mädchen nach der Premiere gesehen habe. Vollzählig. Und vor allem: endlich einmal stolz. Auf sich und das, was sie geschafft haben. Das war für mich einer der schönsten Augenblicke. Und dass genau in diesem Augenblick eines der Mädchen angerufen hat, ob ich wieder vorbei komme. Denn das werde ich mit Sicherheit.

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